Die Suche beginnt vor der Suche
Warum erfolgreiche Führungsbesetzungen in Familienunternehmen nicht im Markt entschieden werden
I. Kapitel
Was wirklich entscheidet
Vergleicht man erfolgreiche und gescheiterte Führungsbesetzungen in Familienunternehmen über längere Zeit, zeigt sich, dass die entscheidenden Unterschiede nicht dort liegen, wo man sie üblicherweise vermutet. Sie entstehen nicht im Kandidatenmarkt, nicht im Interview und auch nicht im Moment der Entscheidung. Sie liegen meist unsichtbar davor und werden gerade deshalb übersehen.
Nahezu jeder Besetzungsprozess beginnt gleich. Eine Situation macht eine Veränderung notwendig, sei es ein Generationswechsel, ein Wachstumsschritt, eine strategische Neuausrichtung oder die Entscheidung, externe Führung stärker einzubinden. Eigentümer, Beiräte oder bestehende Geschäftsführer erkennen, dass eine Führungsrolle neu definiert und besetzt werden muss. Der Anspruch ist hoch, denn diese Entscheidung geht weit über eine operative Maßnahme hinaus. Der Prozess wird entsprechend professionell aufgesetzt, Profile formuliert, Märkte adressiert, Gespräche geführt. Am Ende stehen Kandidaten, die überzeugen, und Entscheidungen, die im Moment ihrer Entstehung plausibel erscheinen. Und dennoch bleibt ein Teil dieser Besetzungen hinter dem zurück, was möglich gewesen wäre.
Es ist kein offensichtliches Scheitern und auch keine Eskalation. Die Zusammenarbeit funktioniert, Entscheidungen werden getroffen, das Unternehmen läuft weiter. Und doch entsteht keine echte Dynamik. Verantwortung wird übernommen, aber vorsichtiger als notwendig. Die Organisation folgt, ohne sich zu orientieren, und die Führung, die vorhanden ist, entwickelt keine Kraft. Diese Entwicklung ist schwer zu greifen, weil sie nicht spektakulär ist. Es gibt keinen Bruch, keine Kündigung, einfach das leise Gefühl, dass mehr möglich gewesen wäre. Wer diese Verläufe über Jahre hinweg beobachtet, erkennt, dass die Ursachen in der Regel nicht im Auswahlprozess liegen und so gut wie nie in der Person. Das Problem ist, dass nicht geklärt ist, was diese Person im konkreten System überhaupt leisten soll. Damit verschiebt sich die Frage von dem, wen ein Unternehmen sucht, zu dem, ob es bereit ist für den, den es sucht.
II. Kapitel
Was das Profil nicht sieht
Irgendwann in einem Suchprozess sitzt man zusammen und formuliert das Profil. Es werden Erfahrungen aufgelistet, Kompetenzen beschrieben, Persönlichkeitsmerkmale definiert. Das Ergebnis ist meistens plausibel, manchmal sogar gut, aber es beschreibt fast immer dasselbe, nämlich was jemand mitbringen soll, und eben nicht, wohin diese Person damit kommt. Familienunternehmen sind keine neutralen Träger für externe Führung. Sie sind Systeme mit Geschichte. Rollen sind nicht entworfen worden, sie sind entstanden, oft über Jahrzehnte, oft durch einen Gründer, der intuitiv entschieden hat und dessen Entscheidungen zur Struktur wurden, ohne je als solche beschrieben worden zu sein. Was heute wie eine Governance aussieht, ist häufig das Sediment vieler einzelner Momente.
Ich sitze in solchen Gesprächen und höre einem Gesellschafter zu, der seine Firma beschreibt, erklärt, wer was entscheidet, den künftigen Geschäftsführer skizziert. Und ich höre gleichzeitig, was er nicht sagt, all die Selbstverständlichkeiten, die für ihn so offensichtlich sind, dass er sie nicht erwähnt. Die Dinge, die der neue Manager erst herausfinden wird, wenn er längst angefangen hat. Das liegt nicht an mangelnder Offenheit. Wer ein System von innen kennt, beschreibt nur, was er für erklärungsbedürftig hält. Führung scheitert in diesen Situationen nicht an Fähigkeit. Sie scheitert daran, dass das System mehr erwartet, als es bereit war, sichtbar zu machen.
III. Kapitel
Fremd oder gewählt
Es gibt ein Wort, das in der Diskussion über familienexterne Führung lange dominiert hat. Fremdmanager. Es steckt voller Implikationen. Wer fremd ist, gehört nicht dazu. Er muss kontrolliert werden. Die logische Konsequenz sind Anreizsysteme und Misstrauen als Ausgangspunkt der Zusammenarbeit. Mancher Unternehmer hat so empfunden und von schlechten Erfahrungen berichtet. Andere würden diesen Begriff nie benutzen. Für sie war ihr Geschäftsführer kein Fremder. Er war jemand, dem sie ihr Lebenswerk anvertrauten.
Muss dieser Manager fremd sein? Das impliziert Distanz, dabei geht es um Nähe und Verbundenheit.
Diese Frage, die einmal ein Unternehmer so formuliert hat, trifft den Punkt. Der Begriff Wahlmanager ist die Antwort darauf. Jemand, den man bewusst auswählt. Und Wahlen setzen Klarheit voraus darüber, was man erwartet und was man bereit ist zu geben. Diese Klarheit herzustellen, bevor jemand angesprochen wird, ist die Arbeit, die vor der Suche stattfinden muss. Sie ist nicht die Aufgabe des Beraters, sie ist die Aufgabe der Eigentümer. Ein Berater kann sie strukturieren und begleiten, aber er kann sie nicht ersetzen. Was das konkret bedeutet, zeigt sich in drei Fragen, die ein Eigentümer vor einer Suche für sich selbst beantworten muss. Welche Verantwortung gebe ich faktisch ab? Was erwarte ich von einer Zusammenarbeit, die auf Vertrauen beruht, und was bin ich bereit dafür zu geben? Und ist mein Unternehmen so beschreibbar, dass jemand, der es nicht kennt, wirklich versteht, was er übernimmt? Wer diese drei Fragen ehrlich beantwortet hat, kann suchen. Wer sie noch nicht beantworten kann, sollte mit der Klärung beginnen, nicht mit dem Profil.
IV. Kapitel
Was erfahrene Kandidaten wirklich prüfen · Vom Anforderungs- zum Wirkprofil
Erfahrene Führungskräfte schauen nicht auf die Position allein. Entscheidend sind die Bedingungen, unter denen sie sie ausfüllen sollen. Sie wollen verstehen, wie ein Unternehmen tatsächlich funktioniert, wer wirklich entscheidet und welche Rolle die Eigentümer dabei einnehmen. Diese Prüfung erfolgt nicht explizit. Sie entsteht in Gesprächen und im Vergleich von Aussagen. Gute Kandidaten hören nicht nur zu, sie lesen zwischen den Zeilen und prüfen, ob das, was gesagt wird, konsistent ist.
Wenn dabei Unklarheit sichtbar wird, verändert sich ihre Haltung. Manchmal ist es eine direkte Absage. Im Falle der Zusage ist es subtiler. Die Bereitschaft, in der neuen Position Verantwortung vollständig zu übernehmen, wird vorsichtiger. Der Einstieg erfolgt mit einem impliziten Vorbehalt. Vertrauen entsteht langsamer. Die Rolle wird zunächst beobachtet, nicht sofort ausgefüllt. Für das Unternehmen ist das ein kritischer Moment, der oft nicht erkannt wird, denn formal erscheint der Besetzungsprozess abgeschlossen zu sein. Die eigentliche Einschränkung entsteht in der inneren Haltung der Person als Reaktion auf ein System, das nicht vollständig klar ist. Wer schon einmal in einer strukturell ungeklärten Rolle gearbeitet hat, erkennt
die Signale früh. Und er zieht die Konsequenzen, bevor er sie ausspricht. Was Unternehmen dann als schwierigen Markt erleben, ist oft ein Spiegel ihrer eigenen Vorbereitung.
Der Moment, in dem ein Kandidat sich innerlich für eine Position entschieden hat, ist fast immer leise. Fast nie kündigt er sich mit einem klaren „Ich bin interessiert" an. Man erkennt ihn eher daran, was der Kandidat plötzlich fragt und was er nicht mehr fragt. Ein sicherer Indikator ist, wenn er aufhört, die Rolle zu erkunden, und beginnt, sich selbst darin einzuordnen. Vorher fragt er nach Berichtslinien, KPIs, Teamgröße. Danach sagt er Dinge wie ‚Wenn ich diese Verantwortung übernehme, müsste ich meine Art zu priorisieren anpassen', oder er fragt, was in den ersten neunzig Tagen das größte Risiko wäre. Das ist kein Abfragen von Informationen mehr. Er spielt die Rolle bereits in seinem Kopf durch, während er noch im Gespräch sitzt.
Was Unternehmen in diesem Moment regelmäßig übersehen, ist, dass ein Kandidat, der innerlich entschieden hat, gleichzeitig am verletzlichsten ist. Das Risiko, ihn zu verlieren, ist jetzt am höchsten. Er zeigt mehr von sich, und wird dabei häufig als unsicher interpretiert, obwohl es Bindung ist. Dabei sucht er Klarheit. Wer in diesem Moment den Kandidaten nicht auf Augenhöhe betrachtet und unklar kommuniziert, gefährdet, was bereits an Bindung entstanden ist. Ein Widersprechen unter Gesellschaftern oder eine ausweichende Antwort auf eine direkte Frage kann den inneren Entscheid wieder kippen.
Ein Kandidat hat innerlich entschieden, wenn er nicht mehr prüft, ob die Rolle zu ihm passt, sondern wie er in dieser Rolle wirken würde.
Wer erfolgreiche Wahlmanager nach einigen Jahren in Familienunternehmen befragt, hört keine abstrakten Bekenntnisse. Man hört, dass Entscheidungen wirklich getroffen wurden, dass jemand Rückendeckung gegeben hat, als es schwierig wurde, und dass man unternehmerisch handeln durfte statt nur zu verwalten. Vielfach zählt für familienexterne Führungskräfte eine vertrauensvolle Zusammenarbeit mit den Eigentümern mehr als jede formale Bedingung. Das beschreibt, was möglich ist, wenn die Bedingungen stimmen. Und was auf dem Spiel steht, wenn sie es nicht tun. Denn dieselben Führungskräfte kennen die Risiken aus eigener Erfahrung. Sie wissen, woran Familienunternehmen scheitern. An ungeklärten Eigentümerrollen. An Governance, die formal existiert, aber faktisch nicht gelebt wird. An Erwartungen, die nie ausgesprochen wurden und deshalb nie erfüllt werden konnten. Das macht sie selektiv. Die besten Kandidaten entscheiden sich nicht primär wegen des Angebots. Wer ihnen von Anfang an ein vollständiges, ehrliches Bild geben kann und Klarheit gibt, der gewinnt. Wer hofft, dass sich Unklarheiten später klären, verliert genau die Menschen, die er am meisten braucht, oft ohne zu wissen, warum.
V. Kapitel
Vom Anforderungsprofil zum Wirkprofil
Die Arbeit, die vor der Suche stattfinden muss, beginnt mit einer Frage, die kaum gestellt wird. Was muss geschehen, damit Führung erfolgreich wirken kann? Diese Frage führt weg von der Person – wen wir suchen, was jemand mitbringen soll – und hin zum System: Welche Verantwortung wird tatsächlich übertragen? Welche Rolle nehmen die Eigentümer künftig ein? Wie laufen Entscheidungen wirklich, wenn es ernst wird? Und was passiert, wenn Erwartungen auseinanderlaufen? Diese Fragen lassen sich nicht durch ein Profil beantworten. Sie erfordern eine Auseinandersetzung mit der eigenen Realität. Das Ergebnis ist kein Anforderungsprofil, das beschreibt, was jemand sein soll. Es ist vielmehr ein Wirkprofil, das beschreibt, unter welchen Bedingungen jemand Wirkung erzeugt.
Der Unterschied zeigt sich am deutlichsten im Vergleich. Ein Anforderungsprofil fordert Entscheidungsstärke. Ein Wirkprofil fragt, wie jemand tatsächlich entscheidet, ob er schnell handelt oder erst dann, wenn er alle Informationen hat, und was das für die Organisation bedeutet. Ein Anforderungsprofil fordert Teamfähigkeit. Ein Wirkprofil fragt, welches Klima jemand erzeugt, ob Fehler als Lernchance gelten oder als Risiko, und was das langfristig mit der Veränderungsbereitschaft macht. Manches davon weiß man vorab, aus Referenzen, aus früheren Stationen, aus dem, was der Eigentümer schon erlebt hat. Anderes zeigt sich erst im Gespräch mit dem Kandidaten selbst. Eigentümer halten an diesen Stellen inne, nicht weil sie überrascht sind, dass es solche Muster gibt, sondern weil sie diese Muster täglich sehen und noch nie jemand sie so klar benannt hat.
Aber das Wirkprofil geht noch weiter. Es zeigt die Nebenwirkungen von Stärken, die in keinem Anforderungsprofil auftauchen. Die Uneinigkeit unter den Familienstämmen, die notwendige Entscheidungen verhindert. Der visionäre Gründer, der die Organisation durch ständige Richtungswechsel destabilisiert. Der aus der Automobilindustrie stammende Produktionschef, der die Prozesse auf seine KPIs getrimmt hat und den Vertrieb in der aktuellen Wachstumsphase dabei ausbremst, strategische Kunden zu gewinnen. Diese Dinge bestimmen die Realität und entstehen im System. Wer ein Wirkprofil liest, versteht zum ersten Mal, was er wirklich bekommt. Ob er bereit ist dafür, ist dann seine Entscheidung.
In der Praxis entsteht ein Wirkprofil nicht am Schreibtisch und wird auch nicht breit im Markt verteilt. Es entsteht in Gesprächen, in denen manches ausgesprochen wird und vieles nicht, in denen man als Berater zwischen den Zeilen liest und vorsichtig prüft, ob das, was man wahrnimmt, auch das ist, was der Eigentümer bereit ist zu sehen und schließlich auch zu fixieren. Und wo der Berater beide Seiten durch den Prozess führt. Klarheit entsteht nur über die Zeit und gemeinsam.
VI. Kapitel
Die vier Dimensionen der Klärung
Aus mehr als einem Jahrzehnt in der Begleitung von Topbesetzungen in Familienunternehmen heraus habe ich eine Struktur entwickelt, die diese Klärungsarbeit in vier Dimensionen gliedert: den Leadership Load Path, den tragenden Pfad einer Führungsentscheidung. Er ist keine Checkliste. Vielmehr gibt er Orientierung für das, was vor einer Suche wirklich beantwortet sein muss.
Die erste Dimension ist die Inhaberstrategie. Sie stellt die Frage, welche Verantwortung beim Eigentümer bleibt und welche wirklich übergeht. In vielen Familienunternehmen ist die Eigentümerrolle historisch gewachsen, nicht bewusst gestaltet. Sie ist das Ergebnis von Entscheidungen über Jahrzehnte. Sie in einem Suchprozess zu klären, bedeutet oft, über Dinge zu sprechen, über die lange nicht gesprochen wurde. Mancher Gesellschafter ist überzeugt, die Verantwortung wirklich abzugeben, und erklärt im selben Atemzug, größere Investitionen, die Besetzung der zweiten Führungsebene und die Beziehungen zu den Schlüsselkunden blieben selbstverständlich bei ihm. Dass dies die zu vergebende Rolle in ihrem Kern begrenzt, sieht er oft nicht. Im Wirkprofil muss die Realität sichtbar sein. Eine Führungskraft, die das nicht weiß, tritt in eine Rolle ein, die in wesentlichen Teilen nicht existiert.
Die zweite Dimension ist die Governance. Führung kann nur wirken, wenn formale und gelebte Struktur übereinstimmen. In Familienunternehmen klaffen diese beiden Ebenen häufig auseinander. Dies passiert, weil Strukturen sich über Zeit anders entwickeln als ihre formale Beschreibung. Ein Beirat, der auf dem Papier weitreichende Befugnisse hat, aber faktisch kaum eingreift; Entscheidungswege, die formal klar sind, aber informell anders laufen. Diese Differenz wird durch eine neue Führungskraft nicht geschlossen, sie wird sichtbar und zum ersten Spannungsfeld. Governance zu klären bedeutet nicht, sie zu verändern. Es bedeutet, sie so zu beschreiben, wie sie wirklich ist. Die dritte Dimension sind die Erwartungen. Eigentümer, Gremien und Organisation haben selten vollkommen deckungsgleiche Vorstellungen davon, was eine neue Führungspersönlichkeit leisten soll. Problematisch wird es erst, wenn diese Unterschiede nicht sichtbar gemacht werden. Oft erwartet der Gesellschafter unternehmerischen Mut, der Beirat ruhige Hand und die Organisation vor allem Verlässlichkeit. Jede dieser Erwartungen ist für sich legitim; zusammengenommen ergeben sie einen Auftrag, den niemand erfüllen kann. Die neue Führungskraft trägt alle drei und scheitert an ihrem Widerspruch, auch wenn sie fachlich außergewöhnlich ist.
Die vierte Dimension sind die Rollen. Was eine externe Führungskraft in einem Familienunternehmen trägt, steht nicht im Organigramm. Eine externe Führungskraft übernimmt mehr als eine Funktion. Sie übernimmt die Geschichte des Unternehmens, die Erwartungen der Familie, das Vertrauen der Belegschaft und die Skepsis derer, die noch nicht überzeugt sind. Und mittendrin die Spannung zwischen dem, was war, und dem, was werden soll. Erst wenn diese Last beschrieben ist, entsteht ein Wirkprofil, das den Namen verdient. Angelegt wird es im Leadership Load Path, wenn sich klärt, ob das Unternehmen überhaupt besetzen sollte. Geschärft wird es im Wahlmanagement, dem Schritt, in dem die Eigentümerfamilie ihre Führung bewusst auswählt, statt sie nur einzukaufen. Erst danach lässt sich sinnvoll fragen, wer das tragen kann.
Diese vier Dimensionen sind kein Prozessmodell. Sie sind Orientierungspunkte für eine Auseinandersetzung, die in ihrer Form immer anders verläuft. Manchmal reichen wenige intensive Gespräche, manchmal braucht es mehr Zeit und mehr Beteiligte. Was zählt, das sind die Fragen, die gestellt werden, bevor die Suche beginnt.
VII. Kapitel
Verantwortung ohne Eigentum
Selbst wenn Struktur und Rolle geklärt sind, bleibt die Frage nach der Haltung, mit der Führung ausgeübt wird. In Familienunternehmen reicht Kompetenz nicht. Wer ein Unternehmen führt, ohne es zu besitzen, übernimmt eine Form von Verantwortung, die sich nicht aus der Position ableiten lässt. Er handelt im Interesse eines Systems, das ihm nicht gehört, und wird genau daran gemessen. Das verlangt mehr als Erfahrung. Die Fähigkeit, Verantwortung zu tragen ohne sich auf Eigentum zu stützen. Loyalität zu zeigen ohne abhängig zu werden. Entscheidungen zu treffen, die nicht immer unmittelbar erklärbar sind, aber langfristig tragen müssen. In Profilen taucht diese Haltung nicht auf. Sie gilt als selbstverständlich. Und wenn sie fehlt, ist die Überraschung groß.
Die entscheidenden Unterschiede zeigen sich in den Momenten, in denen Interessen auseinanderlaufen. Wenn kurzfristige Ergebnisse gegen langfristige Stabilität stehen. Wenn Eigentümer eine andere Perspektive einnehmen als das Management. Wenn Konflikte entstehen, die sich nicht durch einfache Lösungen auflösen lassen. Manche Führungskräfte sind in solchen Momenten ausgewichen. Die Spannung war spürbar, aber niemand hat sie benannt. Entscheidungen wurden vertagt, Konflikte verwaltet statt gelöst, das Unternehmen lief weiter, aber es entwickelte keine Kraft. Andere haben in demselben Moment gesagt, was sie wirklich dachten, nicht laut, nicht konfrontativ, aber klar. Das hat Vertrauen erzeugt, das jahrelang getragen hat.
Das ist der Unterschied zwischen Führung, die funktioniert, und Führung, die trägt. Stewardship heißt, dass beide in dieselbe Richtung ziehen. Der Manager weiß, wessen Interessen er vertritt, und er vertritt sie, als wären es seine eigenen.
VIII. Kapitel
Was das für den Prozess bedeutet
Wer diese Arbeit ernst nimmt, beginnt später mit der Suche, weil er weiß, dass sie ohne dieses Fundament auf Sand gebaut ist. Der Moment, in dem diese Klarheit entsteht, verändert den Prozess spürbar. Alle Beteiligten wissen nun, worauf sie sich einlassen, und ein Kandidat bekommt von Anfang an das vollständige, undosierte Bild.
Kein Suchprozess kann aufholen, was an tragfähigen Entscheidungen vorher versäumt wurde.
Manchmal ist die ehrlichste Empfehlung, noch nicht zu suchen. Geeignete Kandidaten gäbe es, aber die Bedingungen, unter denen jede neue Führungskraft arbeiten müsste, sind noch nicht tragfähig. Diese Empfehlung kann einen Auftrag kosten. Sie ist trotzdem richtig. Kandidaten merken, dass sie das vollständige Bild bekommen. Eigentümer merken, dass jemand ihre Interessen wichtiger nimmt als den schnellen Auftrag.
Ob jemand führen kann, ist selten die Frage. Wie er führt, wenn Interessen auseinanderlaufen, schon.
IX. Kapitel
Executive Search: Fortsetzung statt Anfang
Executive Search bleibt wichtig, weil sie den Zugang zu Persönlichkeiten ermöglicht, die sonst nicht erreichbar wären, und weil sie einen Prozess strukturiert, der ohne diese Struktur schnell beliebig wird. Aber sie ist nicht der Anfang. Sie ist die Fortsetzung einer Entscheidung, die das Unternehmen über sich selbst getroffen hat, bevor es begonnen hat zu suchen.
Was sich konkret verändert, wenn das Fundament gelegt ist, zeigt sich bereits im ersten Kandidatengespräch. Andere Berater fragen nach Stärken und Motivation. Ich beschreibe stattdessen die Realität, in die jemand kommen würde, und bitte ihn zu sagen, was das mit ihm macht. Das verändert die Dynamik sofort. Kandidaten sprechen anders, wenn sie sich nicht mehr in einem klassischen Auswahlgespräch wähnen. Und weil ich weiß, was die Rolle wirklich fordert, kann ich Dinge ansprechen, die andere vermeiden. Dass die Organisation konfliktscheu ist und jemand gebraucht wird, der unpopuläre Entscheidungen durchsetzt. Dass der Eigentümer schnell, intuitiv und ungeduldig ist und dass man das aushalten und strukturieren können muss. Dass das Team erschöpft ist und die neue Führungsperson nicht mit Begeisterung empfangen wird. Wer bei solchen Sätzen zusammenzuckt, wäre später ein Risiko. Wer nickt und weiterdenkt, ist genau die Person, die gesucht wird.
Mit Fundament sucht man nicht mehr nach einem passenden Lebenslauf, man sucht nach einer passenden Wirkung in einem konkreten System.
X. Kapitel
Und jetzt?
Wer bis hierher gelesen hat und sich in der beschriebenen Situation wiedererkennt, steht vor einer Entscheidung. Weitermachen wie bisher. Oder innehalten. Innehalten bedeutet nicht, die Suche aufzuschieben. Es bedeutet, vor der Suche Fragen zu stellen, die sonst niemand stellt. Welche Verantwortung gebe ich faktisch ab? Was erwarte ich tatsächlich von der neuen Führungsperson, und habe ich das je so klar gesagt? Wie werden bei uns Entscheidungen getroffen, wenn es wirklich darauf ankommt? Und ist das, was ich als Rolle beschreibe, auch die Rolle, die existiert?
Diese Fragen führen häufig in Bereiche, die lange nicht berührt wurden. Die Eigentümerrolle. Die Governance-Realität. Erwartungen, die nie explizit gemacht wurden. Sie können nicht in einem einzigen Gespräch beantwortet werden, aber sie müssen beantwortet werden, bevor ein Profil formuliert wird. Meine Arbeit beginnt an diesem Punkt und nicht mit dem Kandidatenmarkt. Gesprächen klären wir gemeinsam klären, ob ein Unternehmen bereit ist für den, den es sucht. Das dauert mitunter etwas. Und es kann unbequem sein. Aber ich kenne keinen anderen Weg, eine Besetzung so vorzubereiten, dass sie trägt.
Am Anfang ist nicht die Suche.
Quellen und Hintergründe:
Der Leadership Load Path ist ein von Marc Konieczny entwickeltes Modell, das mehr als ein Jahrzehnt Praxis in der Begleitung von Topbesetzungen in Familienunternehmen verdichtet. Der Begriff Wahlmanagement geht zurück auf: Marc Konieczny und Marc Viebahn, Wahlmanagement gewinnt – Passgenaue Führung für Familienunternehmen, Campus Verlag, Frankfurt 2022. Stewardship bezeichnet in der Managementforschung eine Haltung, in der Führungskräfte die Interessen der Eigentümer als ihre eigenen verstehen und danach handeln. Die theoretische Grundlage wurde maßgeblich von Davis, Schoorman und Donaldson entwickelt (Davis, J.H. / Schoorman, F.D. / Donaldson, L.: Toward a Stewardship Theory of Management, Academy of Management Review, 1997). Im deutschsprachigen Raum wurde das Konzept im Kontext von Familienunternehmen weiterentwickelt und durch den Kodex der Unternehmensleitung von Familien- und Stiftungsunternehmen (2021) in einen praxisorientierten Rahmen überführt. Weitere Informationen unter www.stewardship-kodex.de.
Die Beispiele in diesem Text sind anonymisiert und verallgemeinert. Sie illustrieren typische Muster aus der Praxis und bilden keine konkreten Einzelfälle ab.